[IPK] Israels Ziel im Iran ist nicht nur ein Regimewechsel
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So Apr 26 19:41:12 CEST 2026
Israel/Iran:
Israels Ziel im Iran ist nicht nur ein Regimewechsel
Online unter: https://www.inprekorr.de/654-isr-iran.htm
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Israel zieht einen gescheiterten und durch einen Bürgerkrieg gespaltenen
Iran jedem anderen Szenario vor. Das Ziel besteht nicht nur in einem Wechsel
des iranischen Regimes, sondern im Zusammenbruch des Staates selbst.
Von Kate McMahon
Vielleicht haben die USA nach Jahrzehnten verheerender Kriege im Nahen Osten
endlich eine Lektion gelernt: Ein Regimewechsel ist äußerst schwierig zu
erreichen. Einen Staatschef zum Verschwinden zu bringen, ist der einfache
Teil – der schwierigere kommt danach. Wenn das eigentliche Ziel in einem
Regimewechsel besteht, dann wäre zu erwarten, dass die USA eine alternative
Führung zur Lenkung eines mehr oder weniger funktionierenden Staates
aufbauen. Doch das ist ein heikles Unterfangen, das in der Regel nicht
klappt, und deshalb arbeiten nur wenige ernsthaft auf einen Regimewechsel
hin.
Es gibt etliche Beispiele für solche gescheiterten Versuche. 2003 drangen
die USA in den Irak ein und 2006 töteten sie Saddam Hussein. Zwanzig Jahre
später sind sie immer noch im Irak. Die vorschnellen Erklärungen, die
Mission sei erfüllt, stehen im Widerspruch zu den langwierigen Problemen
beim nachfolgenden Staatsaufbau. Heute ist der Irak tief gespalten und
verfügt über ein verworrenes politisches System, das von ethnischen
Spaltungen geprägt ist. Der Staat funktioniert zwar, aber das brauchte
zweieinhalb Jahrzehnte, kostete Milliarden von Dollar, eine Million Tote und
brachte eine Welle des Terrors in die gesamte Region. Welche Stabilität der
Irak auch immer erreicht hat, sie ist eher auf die politische
Anpassungsfähigkeit der irakischen Bevölkerung als auf Konzepte der USA
zurückzuführen.
In Afghanistan versuchten die USA zwei Jahrzehnte lang, die Taliban zu
entmachten – nur um am Ende wieder die Taliban zu bekommen. Und in Syrien
bewaffnete Washington rivalisierende Gruppen, die Baschar al-Assad stürzen
wollten. In der Folge kam es zu ethnischen Spannungen und einem Bürgerkrieg.
Zeitweise kämpften
[https://www.latimes.com/world/middleeast/la-fg-cia-pentagon-isis-20160327-s
tory.html] vom Pentagon bewaffnete Milizen gegen von der CIA bewaffnete
Milizen.
Libyen hingegen liefert ein abschreckendes Beispiel anderer Art. 2011 trugen
US-Luftangriffe dazu bei, dass Muammar al-Gaddafi getötet wurde. Die
Obama-Regierung zeigte jedoch keine besonderen Bemühungen, einen Nachfolger
zu installieren, und wollte sich auch nicht in die heikle Aufgabe des
Staatsaufbaus verstricken. Stattdessen überließ sie es der libyschen
Bevölkerung, mit den Folgen und dem entstandenen Machtvakuum
zurechtzukommen. Während Libyen 2010 noch zu den reichsten Ländern Afrikas
gehörte und sich durch einen hohen Lebensstandard auszeichnete, ist es heute
ein gescheiterter Staat, der vor allem von gewalttätigen Milizen und
Sklavenhändlern beherrscht wird und unter den Auswirkungen der jahrelangen
Bürgerkriege leidet.
Nun haben die USA Khamenei, den Obersten Führer des Irans, unter dem Vorwand
ermordet, man wolle dem Land Demokratie bringen. Eine weitere Begründung
ist, der Iran verfüge bald über Atomwaffen – was nicht zutrifft
[https://x.com/AJEnglish/status/2028847534152577038]. Was kommt als
Nächstes?
Auch wenn offizielle Stellen in Washington so tun, als bemühten sie sich um
die Wiedereinsetzung des Schahs, ist dies bestenfalls ein Pro-forma-Versuch.
Der im Exil lebende Sohn des brutalen iranischen Diktators, welcher 1979
durch die Islamische Revolution gestürzt wurde, verfügt über keine Stellung,
die es ihm erlauben würde, auf einem Schimmel in Teheran einzuziehen und das
Land als strahlender Monarch wieder ins Lot zu bringen. In den Vereinigten
Staaten hat er zwar immer noch eine treue Anhängerschaft unter der
iranischen Diaspora – insbesondere unter den Angehörigen wohlhabender
Familien, die während der gewalttätigen Monarchie zu Wohlstand gelangt sind
–, im Iran selbst aber ist er äußerst unbeliebt. Kaum jemand glaubt
ernsthaft an eine reibungslose Wiedereinsetzung eines Königs, der in den
letzten vier Jahrzehnten in Amerika gelebt hat.
Da die Idee einer Wiederherstellung der Monarchie weitgehend vom Tisch ist,
richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die interne Nachfolgeordnung der
Islamischen Republik Iran. Als Trump letzte Woche über einen möglichen
Nachfolger für Khamenei sprach, sagte er zu einem Reporter
[https://x.com/jonkarl/status/2028299468223676673]: „Der Angriff war so
erfolgreich, dass er die meisten Kandidaten ausgeschaltet hat. Es wird
niemand sein, an den wir gedacht haben, denn sie sind alle tot. Auch der
Zweit- oder Drittplatzierte ist tot.“ Nach der Ernennung
[https://www.theguardian.com/world/2026/mar/08/ali-khameneis-son-mojtaba-cho
sen-as-irans-new-supreme-leader] von Khameneis zweitem Sohn zum Obersten
Führer haben israelische Regierungsvertreter angekündigt
[https://www.aljazeera.com/news/2026/3/4/iranians-to-bid-farewell-to-khamene
i-as-israel-threatens-to-kill-successor], ihn und jeden seiner Nachfolger zu
töten.
Durch die amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran wurden
bedeutende Oppositionsführer ausgeschaltet, darunter auch inhaftierte
Kritiker
[https://www.hrw.org/news/2025/08/14/iran-israeli-attack-on-evin-prison-an-a
pparent-war-crime] der Islamischen Republik. Berichten zufolge nehmen die
USA auch gezielt linke Aktivisten ins Visier
[https://x.com/TariqAli_News/status/2027717241454686454].
Denn letztendlich scheint die Ablösung der Islamischen Republik nicht das
hauptsächliche oder nicht einmal ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Es wird
vielmehr eine ethnische Balkanisierung und ein Zusammenbruch des Staates
angestrebt. Nicht der Ersatz des iranischen Regimes steht im Vordergrund,
sondern die Zerstörung des Staates selbst. Die militärischen Angriffe sollen
die staatlichen Institutionen zerschlagen und ethnische Spannungen und
Abspaltungsbewegungen fördern, sodass der Iran auseinanderfällt und in
Bürgerkrieg und sektiererischer Gewalt versinkt – ähnlich wie Syrien im Jahr
2015.
Ein politischer Zusammenbruch könnte separatistische Bestrebungen unter
Bevölkerungsteilen im kurdischen Nordwesten, in Belutschistan im Südosten
und in Aserbaidschan im Norden verstärken, insbesondere wenn äußere Mächte
versuchen würden, ethnische Konflikte für ihre Zwecke zu
instrumentalisieren. Die Trump-Regierung hat bereits darüber diskutiert,
separatistische Gruppen
[https://www.wsj.com/world/middle-east/iran-leadership-succession-b5c4118e]
im Iran zu bewaffnen, was eine Wiederholung der unheilvollen Strategie wäre,
die in Syrien und Afghanistan angewandt wurde: die Unterstützung brutaler,
sich bekämpfender Milizen. In diesem Fall jedoch ohne amerikanische
Bodentruppen.
Das „Kriegsministerium“ vermeidet also das Irak- und Afghanistan-Syndrom, da
es offenbar nicht die Absicht hat, sich in eine weitere Runde des
Staatsaufbaus und des endlosen Kriegs zu verwickeln. Das Ziel besteht
vielmehr darin, den Iran zu destabilisieren, ihn den Wölfen zu überlassen
und sich selbst zurückzuziehen.
Dieser dystopische Kurs ebnet Israel den Weg, jegliche nennenswerte
militärische Opposition in der Region auszuschalten. Letztes Jahr
bombardierte Israel in Syrien die militärische Infrastruktur und zerstörte
ihre Kapazitäten – und dies, obwohl sich die neue Regierung mit dem Westen
verbündet hatte und keinerlei Drohungen gegen Israel aussprach. Offenbar
wird niemand in der Region geduldet, der auch nur das Potenzial hat, Israel
herauszufordern.
Im Mittelpunkt der israelischen Sicherheitsdoktrin steht seit Langem die
Aufrechterhaltung eines „qualitativen militärischen Vorsprungs“ – also die
Sicherstellung einer klaren technologischen und operativen Überlegenheit
gegenüber allen regionalen Rivalen. Dieser auch im US-amerikanischen Recht
[https://www.congress.gov/112/statute/STATUTE-126/STATUTE-126-Pg1146.pdf]
verankerte Grundsatz fußt auf einem klaren Prinzip: Kein Nachbarstaat darf
die Fähigkeit entwickeln, die militärische Vorherrschaft Israels infrage zu
stellen. In diesem Rahmen stellt ein zersplitterter Staat eine weitaus
geringere langfristige Bedrohung dar als eine unabhängige Regionalmacht, die
ihre Streitkräfte wieder aufbauen kann.
Netanjahu strebt offensichtlich die Auslöschung aller regionalen Mächte an.
Seit 1990 warnt er, der Iran stehe kurz vor der Erlangung der
Nuklearfähigkeit, und seit drei Jahrzehnten sucht er nach einem Vorwand,
damit die USA zugunsten von Israel intervenieren und den Iran angreifen.
Auch wenn die Achse des Widerstands geschwächt ist stellt sie nach wie vor
ein wichtiges Hindernis für Israels Bestreben dar, seine Grenzen zu einem
„Groß-Israel“ auszuweiten. Israel will nicht nur die restlichen
palästinensischen Gebiete besetzen, sondern sich auch nach Syrien und in den
Libanon ausdehnen. Dazu muss die Achse des Widerstands beseitigt werden, und
der Weg dorthin führt über den Iran.
Diese Woche erklärte Danny Citrinowicz, leitender Forscher am Institut für
Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, der /Financial Times/
[https://www.ft.com/content/dd070ee7-7021-4f90-86ec-690fe6aa34e6] die
Haltung seiner Regierung gegenüber dem Iran so: „Wenn es zu einem
Staatsstreich kommt – großartig. Wenn die Menschen auf die Straße gehen –
großartig. Wenn es zu einem Bürgerkrieg kommt – großartig. Israel schert
sich keinen Deut um die Zukunft [oder] die Stabilität des Irans.“
Aus israelischer Sicht ist ein zersplitterter, in einem Bürgerkrieg
gefangener Iran einer neuen Regierung vorzuziehen, egal wie sehr sich diese
den Interessen des Westens verpflichten sollte (siehe Syrien). Offiziell mag
Trump einen Regimewechsel dem Zusammenbruch des Staates vorziehen, doch die
dafür erforderlichen Ressourcen will er nicht bereitstellen. Wenn die Kosten
steigen, wird er sich deshalb über kurz oder lang zurückziehen.
Sollte das iranische Regime zusammenbrechen, und zwar nicht nur die
Führungsspitze, sondern der ganze Staatsapparat, dann würde dies
unweigerlich zu einer massiven Destabilisierung und zu einem „Libyen 2.0“
führen, wenn nicht zu noch Schlimmerem. Das ist so gewollt. Die USA geben
sich nicht der Illusion hin, den Iran demokratisieren zu können. Dies ließe
sich vielleicht erreichen, indem man die Opposition oder die Reformkräfte im
Iran unterstützt, anstatt sie zu bombardieren. Aber Israel will den Iran
nicht in eine souveräne Demokratie verwandeln, sondern ihn handlungsunfähig
machen – damit der Weg frei wird, Israels militärische Macht in der Region
ungehindert zu entfalten.
Der iranische Sicherheitsapparat ist gut verankert und wird sich
wahrscheinlich nicht so schnell zerstören lassen. Sollten anhaltende
Angriffe jedoch dazu führen, dass nicht nur die Führung geschwächt, sondern
der Staat selbst zerschlagen wird, wären die Folgen katastrophal. Ein Land
mit fast neunzig Millionen Einwohner:innen bricht nicht im Stillen zusammen.
Es könnte dazu kommen, dass Hunderttausende sterben und Millionen weitere
vertrieben werden. Denn Bomben befreien nie – sie zerreißen: Körper, Länder,
Gesellschaften.
9. März 2026
Kate McMahon ist freie Journalistin, lebt in Kairo und berichtet über
Umweltfragen und regionale Konflikte.
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Aus: die internationale Nr. 3/2026
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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