From webmaster at inprekorr.de Tue Jun 9 14:02:12 2026 From: webmaster at inprekorr.de (webmaster at inprekorr.de) Date: Tue, 9 Jun 2026 14:02:12 +0200 Subject: [IPK] =?utf-8?q?Gesundheit=3A_Unsere_Krankheit_=E2=80=93_Ihr_Pro?= =?utf-8?q?fit?= Message-ID: <04c501dcf807$ceb525f0$6c1f71d0$@inprekorr.de> Gesundheit: Unsere Krankheit ? Ihr Profit Online unter: https://www.inprekorr.de/656-krankh.htm ------------------------------------------------------------------- Die anvisierte ?Gesundheitsreform? zielt auf eine Begrenzung der Krankenkassenbeiträge, in erster Linie um die sogenannten ?Arbeitgeber? nicht mit höheren Beiträgen zu ?belasten?. Von Daniel Berger Neben der Rentenreform ist die ?Gesundheitsreform? im Moment der schärfste Angriff auf die hiesigen sozialen Sicherungssysteme. Schon der Name ist völlig irreführend. Es geht nicht um die Wahrung oder Förderung unserer Gesundheit, sondern einzig und allein darum, auf keinen Fall die Beitragssätze erhöhen zu müssen. Zurzeit beträgt der Beitragssatz 14,6 % plus (je nach Krankenkasse unterschiedlich) im Schnitt 2,9 %, beides hälftig von Beschäftigten und ?Arbeitgebern? zu zahlen. Die Sorge dreht sich nicht um die Beiträge, die die Versicherten zu zahlen haben, sondern um die des Kapitals. Der Grund für die angestrebte Reform: Die Ausgaben wachsen schneller als die Einnahmen. Je mehr die Lohnsumme ? gemessen an der allgemeinen Preisentwicklung und vor allem am Kostenanstieg im Gesundheitssektor ? zurückbleibt, desto mehr hinken damit auch die Krankenkassenbeiträge hinterher. So ist allein im Zeitraum 2020 bis 2025 das Bruttoinlandsprodukt um 29 % gestiegen, die Einnahmen der GKV aber nur um 23 %. Zwar sollen laut Regierung alle ?Beteiligten ihren Beitrag? zur Kosteneinsparung leisten (am stärksten werden gerade die Psychotherapeuten gebeutelt), doch an die eigentlichen Profiteure des kapitalistischen Gesundheitssektors soll nicht herangegangen werden. Für gewisse Sparten auf der Anbieterseite ist dieser Sektor ein Selbstbedienungsladen. ?Da aber in keinem anderen Politikfeld so viel Geld verteilt und so hart darum gekämpft wird wie im Gesundheitswesen, bleibt das Patientenwohl für die Interessenvertreter meistens zweitrangig; Geld bedeutet Macht und lässt sich selten mit Gesamtinteressen vereinbaren.? [1] Was Haas hier (im Jahr 2014) beschreibt, stimmt uneingeschränkt. Ergänzend wollen wir allerdings hinzufügen, dass heute die Profitraten im Rüstungssektor noch größer sind als in der Pharmaindustrie, dem traditionell profitabelsten Sektor der deutschen Wirtschaft. DIE CRUX LIEGT AUF UNTERSCHIEDLICHEN EBENEN Die Beitragszahlungen erfolgen nicht nach dem Solidarsystem, will heißen: Ab einer gewissen Einkommenshöhe (zurzeit 69 750 ?/Jahr) steigen die Beiträge nicht mehr zusammen mit dem Einkommen. Jemand, der/die z. B. 100 000 ? im Jahr verdient, hat einen viel geringeren Beitragssatz als ein(e) Durchschnittsverdiener:in. Hinzu kommt, dass andere Einkommensarten ? Zinsen aus Geldvermögen usw. ? überhaupt nicht für die Betragsbemessung herangezogen werden. Diejenigen also, denen es am wenigsten ausmachen würde, das Gesundheitssystem mitzufinanzieren, bleiben davon weitgehend ausgenommen. Die Ausgabenseite ist in diesem System in keiner Weise zu kontrollieren. Da es im Kapitalismus keine offenen Bücher gibt, also die tatsächlichen Geldflüsse und damit auch die Profite sich jeglicher Kontrolle entziehen, können sich die Anteilseigner der Konzerne die Taschen vollmachen. Im Gesundheitssektor sind dies vor allem die Hersteller von Medizintechnik und die Pharmaindustrie. Aber auch die Krankenhauskonzerne sahnen ab. So werden ? einzig und allein aus Profitgründen und zulasten der Betroffenen ? zu viele Operationen vorgenommen, weil mit ihnen am meisten zu verdienen ist. Das betrifft Hüftgelenk-Operationen oder auch Kaiserschnitte, die heute bei jeder dritten Geburt vorgenommen werden [2]. ?Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, eine Kaiserschnittrate von zehn bis 15 Prozent nicht zu überschreiten. Ab zehn Prozent sinkt die Sterblichkeit von Mutter und Kind statistisch nicht weiter. Warum ist die Kaiserschnitt-Quote hierzulande dennoch so hoch? [?] ?50 Prozent der Kaiserschnitte in Deutschland werden geplant. Das hat eher organisatorische und ökonomische denn medizinische Gründe?, sagt Lütje. ?Personalmangel verschärft die Situation zusätzlich.?? [3] All dies treibt die Kosten in die Höhe, zugunsten der Kapitaleigner. ------------ KASTEN ----------------------------------------------- TEXTE ZUR GESUNDHEITSPOLITIK Wie wir die Gesundheitspolitik im real existierenden Kapitalismus einschätzen, ist in dem Grundsatzartikel ?Gesundheit ? ein Mordsgeschäft? [https://intersoz.org/gesundheit-ein-mordsgeschaeft-3] von Michael Weis dargelegt. Auch Genosse Thaeus Pato hat einen Grundsatzbeitrag zur Gesundheitspolitik geschrieben: ?Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik? [https://intersoz.org/grundrisse-einer-alternativen-gesundheitspolitik/]. Darin skizziert er wesentliche Merkmale eines postkapitalistischen Systems beim Umgang mit Gesundheit und Krankheit. ------------------------------------------------------------------- Insgesamt wird zu wenig für die Vorbeugung getan. Es fängt schon damit an, dass die wachsende Zahl von Burnout und psychosozialen Krankheiten nicht rechtzeitig oder gar nicht therapiert werden und deswegen zu schlimmeren Krankheiten führen. Diese resultieren nicht nur aus der Arbeitswelt, sondern auch aus der allgemeinen Gesellschaftspolitik. Nehmen wir nur ein Beispiel aus der Verkehrspolitik: ?Schätzungsweise mindestens 239 000 Todesfälle pro Jahr lassen sich in der EU auf eine zu hohe Feinstaubbelastung in der Luft zurückführen. 70 000 Todesfälle seien im Jahr 2022 einer Belastung mit Ozon sowie 48 000 mit Stickstoffdioxid zuzuschreiben, teilte die Europäische Umweltagentur EEA in einem Bericht mit. Die neuen Daten bestätigten einmal mehr, dass die Menschen in Europa mit Luftschadstoffkonzentrationen fertig werden müssten, die deutlich über den empfohlenen Werten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lägen, schrieb die in Kopenhagen ansässige EU-Behörde. Die Todesfälle hätten durch das Einhalten der WHO-Richtwerte vermieden werden können.? [4] Einen großen Anteil an diesen desaströsen Zuständen hat der motorisierte Individualverkehr (vor allem wegen des Reifenabriebs). Das am wenigsten schädliche Verkehrsmittel ist der schienengebundene Öffentliche Personenverkehr (Bahnen und Straßenbahnen). Der wird aber nicht gefördert, weil dort weniger Profite zu erzielen sind. Will man die hohe Zahl von Verletzten, die durch den motorisierten Individualverkehr erzeugt werden, drastisch vermindern, dann bietet sich als Sofortmaßnahme eine wirksame Reduzierung der Höchstgeschwindigkeiten in Orten, auf Landstraßen und Autobahnen an, nämlich sinnvollerweise auf 30 / 80 / 100 km pro Stunde. Ergänzend muss der gesamte ÖVP ausgebaut und so weit wie möglich auf schienengebundene Verkehrsmittel umgestellt werden. Man sieht: Eine Gesundheitsreform, die diesen Namen verdient, müsste auf verschiedenen gesamtgesellschaftlichen Ebenen angegangen werden. Doch dem steht das Profitprinzip im Weg. Solange dieses nicht grundsätzlich infrage gestellt wird, wird es keine großen Verbesserungen geben können. Im Moment drohen nur weitere Verschlechterung, die es massiv zu bekämpfen gilt. Ver.di macht mit ihrer Demo am 10. Juni in Hannover einen Anfang. Sorgen wir dafür, dass es nicht dabei bleibt. ------------------------------------------------------------------- Aus: die internationale Nr. 4/2026 Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht Bestellungen: die internationale, Regentenstr. 57-59, 51063 Köln E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de Einzelheft: 5 EUR; Schnupperabo: Ein halbes Jahr für 10 EUR Jahresabo: 25 EUR (Inland), 15 EUR (ermäßigt), E-Abo 50% Artikel im Internet: https://www.inprekorr.de ------------------------------------------------------------------- ----- [1] Torsten Haas: ?Selbstbedienungsladen Gesundheitsmarkt. Die umstrittene Rolle der Interessenverbände? Hamburg (Diplomica Verlag) 2014, S. 67 [2] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N028_23.html [https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N028_23.html] [3] https://www.apotheken-umschau.de/news/warum-so-viele-kinder-in-deutschland-per-kaiserschnitt-auf-die-welt-kommen-1344945.html [https://www.apotheken-umschau.de/news/warum-so-viele-kinder-in-deutschland-per-kaiserschnitt-auf-die-welt-kommen-1344945.html] [4] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/feinstaub-fast-240-000-todesfaelle-jaehrlich-durch-luftverschmutzung-a-b9e220a7-cca2-4fd6-b76b-22c6ab180ed2 [https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/feinstaub-fast-240-000-todesfaelle-jaehrlich-durch-luftverschmutzung-a-b9e220a7-cca2-4fd6-b76b-22c6ab180ed2] -------------- nächster Teil -------------- Ein Dateianhang mit HTML-Daten wurde abgetrennt... URL: From webmaster at inprekorr.de Tue Jun 9 14:04:43 2026 From: webmaster at inprekorr.de (webmaster at inprekorr.de) Date: Tue, 9 Jun 2026 14:04:43 +0200 Subject: [IPK] =?iso-8859-1?q?Krankenhausfinanzierung=3A_Ein_Instrument_z?= =?iso-8859-1?q?ur_Produktion_von_Profiten_und_Missst=E4nden?= Message-ID: <04e301dcf808$28bddab0$7a399010$@inprekorr.de> Gesundheit: Krankenhausfinanzierung: Ein Instrument zur Produktion von Profiten und Missständen Online unter: https://www.inprekorr.de/656-krankf.htm ------------------------------------------------------------------- Hier soll nur grob skizziert werden, wie die Krankenhausfinanzierung in Deutschland funktioniert und welches die Folgen sind. Von Axel Hopfmann Für weitergehende und detaillierte Informationen sind die Veröffentlichungen des Bündnisses „Krankenhaus statt Fabrik“ zu empfehlen. [1] Zunächst wollen wir kurz in Erinnerung rufen, wie es lief, als die Krankenhausversorgung noch eine öffentliche Aufgabe war. ES GALT MAL DAS KOSTENDECKUNGSPRINZIP Bis Anfang dieses Jahrhunderts galt für Krankenhäuser das „Selbstkostendeckungsprinzip“. Dazu hieß es in der Bundespflegesatzverordnung lapidar: Die Pflegesätze sollen die laufenden Kosten eines wirtschaftlich arbeitenden Krankenhauses decken. Will sagen: Die tagesgleichen Pflegesätze waren so kalkuliert, dass damit die Kosten des vergangenen Jahres im Prinzip wieder reinkamen. Die „laufenden Kosten“ sind die Kosten ohne Investitionen. Die Investitionen wurden aus Steuergeldern bezahlt. So soll es eigentlich immer noch sein, aber kein Bundesland stellt dafür auskömmliche Mittel bereit. Das Kostendeckungsprinzip wurde und wird systematisch schlecht geredet. Da heißt es, es sei für die „Kostenexplosion“ verantwortlich gewesen. Welche Kostenexplosion? Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen pendeln seit 1973 um einen Wert von 6 % des Bruttoinlandsprodukts. Es gehört schon viel Mühe dazu, eine Kostenexplosion herbeizureden. Dafür, dass es keine Kostenexplosion gab, sorgten die Krankenkassen durch „Wirtschaftlichkeitsüberprüfungen“. Das heißt: Fanden die Krankenkassen Ausgaben eines Krankenhauses unwirtschaftlich, wurden diese einfach nicht bezahlt, also bei der Berechnung der Pflegesätze ausgeklammert. Die Folge war, dass die Krankenhäuser unterfinanziert waren und bei Beginn der Krankenhausreformen jeweils Schulden in zweistelligen Millionenhöhen hatten. Die zweite Legende ist die über das Kostendeckungsprinzip: Durch die tagesgleichen Pflegesätze habe es einen Anreiz gegeben, Patient:innen länger im Krankenhaus zu behalten als nötig. Zahlreiche Geschichten werden darüber erzählt, dass angeblich nie Patient:innen zum Wochenende entlassen wurden. Einen Schönheitsfehler haben sie allerdings: Sie sind mit der amtlichen Statistik über die Verweildauer in Krankenhäusern nicht vereinbar. Diese zeigen eine linear sinkende Verweildauer, unabhängig von den Zeiten der verschiedenen Finanzierungssysteme. Warum also dieses Schlechtreden? Das gehört zu den Aspekten, über die /nicht/ so laut geredet wird: Mit dem Selbstkostendeckungsprinzip machen Krankenhäuser keine Profite. VON DER ÖFFENTLICHEN AUFGABE ZUR PROFITORIENTIERUNG Bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts galten die Pflegesätze grundsätzlich weiter. Allerdings wurde unter der Regie des Gesundheitsministers Seehofer schon eifrig an einer Umstellung auf „Fallpauschalen“ gebastelt. Das ließ sich zunächst etwas holperig an, bis schließlich um das Jahr 2000 das „DRG“-System importiert wurde (DRG: Diagnosis Related Groups). [2] Es handelt sich dabei um ein raffiniert gestricktes und verfeinertes System der Fallpauschalen. Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, dass es statt der tagesgleichen Pflegesätze politisch festgelegte Preise für die Behandlung bestimmter Krankheiten gibt. Das war so etwas wie eine neoliberale Revolution, die – bis auf einer Handvoll Fachleuten – niemandem auffiel. Die Folgen: Mit einem Mal war es möglich, mit Krankenhäusern Profit zu erwirtschaften. Damit wurden sie für private Investoren interessant. Die Krankenhausprivatisierungen nahmen rasant zu. Billiger wurde es nicht. Da aber das Gesamtbudget für alle Krankenhäuser gedeckelt war, wurde die Konkurrenz zwischen ihnen zu einem Kampf, bei dem es ums Überleben ging (und nach wie vor geht). Das setzte den Zwang, auf Teufel komm raus zu sparen. Es war klar, wo gespart werden musste: Der größte Anteil der Krankenhauskosten sind Personalkosten und davon wiederum der größte Anteil Kosten für Pflegekräfte. Die Arbeitsbedingungen in der Krankenhauspflege, die noch nie gut waren, verschlechterten sich drastisch. Es setzte eine Flucht aus dem Beruf ein, obwohl die allermeisten Pflegekräfte ihren Beruf als einen schönen empfinden. Schätzungsweise gibt es bundesweit über 400 000 Pflegekräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind. Viele gingen in Teilzeit, um die Belastungen überhaupt noch aushalten zu können. Nach einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen wäre ein großer Teil bereit, wieder zurückzukehren, unter der Voraussetzung, dass die Arbeitsbedingungen sich verbessern. [3] Es gibt keinen Fachkräftemangel in der Pflege, sondern eine Vertreibung der Fachkräfte aus ihrem Beruf. Das führte zu gravierenden Missständen, die in trauter Eintracht von Krankenhausbetreibern und Aufsichtsbehörden verharmlost werden. ZUR ILLUSTRATION: Eine Pflegekraft, mit den Patientinnen allein auf Station, hat mit einer Patientin zu tun, die massiven Durchfall hat, jedoch nicht aufstehen und zur Toilette gehen kann. Aber die anderen auf der Station brauchen die Pflegekraft ja auch. In ihrer Verzweiflung stellt die Pflegekraft das Bett schräg, damit die Sauce der Patientin wenigstens nicht ins Gesicht läuft. In der Notaufnahme eines großen Krankenhauses: Ein Mann bringt seinen Bruder als Notfall dorthin. Doch niemand kann sich um den akut Kranken kümmern. Dem geht es derweil immer schlechter, bis sein Bruder sein Handy nimmt und die Nummer 112 wählt. Auch in einer Notaufnahme: Zwei Pflegekräfte sind anwesend. In einem Teil der Notaufnahme liegt ein Patient, der hoch infektiös ist und isoliert werden muss. Das heißt für die Pflegekräfte, sie können nicht einfach in das Zimmer hinein- und wieder hinausgehen, sondern müssen eine etwas umständliche Prozedur befolgen. Die andere Pflegekraft betreut eine Patientin, die am EKG-Monitor hängt, weil jederzeit ein Herz- oder Atemstillstand droht. Die Pflegekraft für das Isolierzimmer braucht Hilfe, weil sie allein den schwergewichtigen Mann nicht bewegen kann und holt sich ihre Kollegin. Als diese sich wieder ausgeschleust hat und in ihren vorherigen Arbeitsbereich zurückkehrt, findet sie die Überwachungspatientin vor dem Bett auf dem Boden liegend vor. In den Qualitätsberichten der Krankenhäuser sieht es in der Regel so aus, als ob alles mehr oder weniger in Ordnung sei. Doch sind die geschilderten Situationen keine Einzelfälle, sondern Alltag. Das können einem fast alle Pflegenden bestätigen – jedenfalls unter vier Augen. Schreiben sie Gefährdungsanzeigen an ihre Vorgesetzten, wird dem Mangel nicht abgeholfen. Mancherorts gab es stattdessen schon mal Abmahnungen. PROTESTE UND DAS PFLEGEBUDGET Pflegekräfte gelten als geduldig, aber das war ihnen zu viel. Es kam zu Protesten. Sie verlangten eine angemessene Personalausstattung. Diese Forderung bekam Nachdruck, als Kolleginnen der Berliner Charité auf den entscheidenden Trick verfielen. Sie formulierten die Forderung als Tarifforderung. Das Zauberwort heißt seitdem: Tarifvertrag Entlastung. So konnte dafür gestreikt werden. Und das geschah auch. Schließlich konnte der damalige Bundesgesundheitsminister Spahn das nicht mehr einfach aussitzen. 2019 wurde das „Pflegepersonalstärkungsgesetz“ verabschiedet. Damit wurden den Krankenhäusern ab 2020 die Personalkosten für die Pflege außerhalb der DRGs erstattet. Es brachte weniger als den gewünschten Effekt, die Flucht aus dem Beruf hatte längst eingesetzt, so dass nur die Krankenhäuser, die ihre Pflegekräfte pfleglich behandelten, wirklich etwas davon hatten. LAUTERBACHS „REVOLUTION“ Nach Jens Spahn betrat ein Sozialdemokrat die Bühne: Karl Lauterbach versprach, die Krankenhausfinanzierung zu revolutionieren und die Krankenhauslandschaft zu „entökonomisieren“. Die Revolution erinnert im Ergebnis an den Satz aus Tomasio di Lampedusas Roman /Der Leopard/: „Wir müssen alles verändern, damit es so bleiben kann, wie es ist.“ Einige Dinge sind neu hinzugekommen. Eingeführt wurden Vorhaltekosten. Das sind die Aufwendungen, die nötig sind, um auf Anforderungen vorbereitet zu sein. So z. B. muss eine Notaufnahme rund um die Uhr und jeden Tag besetzt sein, egal wie viele Notfälle nun wirklich kommen. 60 % der Kosten sollen so aus den DRGs herausgenommen werden. Für die restlichen 40 % gelten die DRGs weiter. Interessant die Kriterien, nach denen die Vorhaltekosten verteilt werden: Fallschwere und Fallzahl. Will sagen: Es lohnt sich weiterhin für jedes Krankenhaus, möglichst viele Fälle der gleichen Art zu versorgen und es dabei mit möglichst komplizierten Fällen zu tun zu haben. Das ist genau das, was an den DRGs immer als „Fehlanreiz“ kritisiert wurde. Zum Beispiel stiegen (und steigen wohl weiterhin) die Zahlen der Eingriffe an der Wirbelsäule, ohne ausreichende medizinische Gründe. Eine weitere Neuerung: Die Einführung von Mindestmengen. Für jede Behandlungsart („Leistungsgruppe“) die ein Krankenhaus anbietet, muss es eine minimale Fallzahl haben, ansonsten darf es diese Behandlung nicht mehr durchführen. Einige Folgen der lauterbachschen Revolution: Kleine Krankenhäuser geraten in Schwierigkeiten und müssen in Zukunft häufig schließen. Für alle Menschen, die nicht gerade in einer Großstadt wohnen, werden das die Krankenhäuser in ihrer Nähe sein. Beim Krankenhaussterben ist offen verkündete Absicht dabei. Nach Ansicht der herrschenden Gesundheitspolitiker gebe es zu viele Krankenhäuser. Begründet wird das alles mit dem Ziel einer besseren Versorgungsqualität. Was es allerdings damit zu tun hat, wenn für den Transport eines Patienten mit Herzinfarkt eine Zeit von bis zu 40 Minuten in Kauf genommen werden soll, bleibt ein Geheimnis. Die Zahlen werden wohl auch in diesem Fall stimmen: Es sterben dann weniger Patienten /im/ Krankenhaus an einem Herzinfarkt, unter anderem deswegen, weil etliche den Transport dorthin nicht überleben. Durch die Beibehaltung der DRGs für 40 % der Kosten und die Kriterien der Verteilung der Vorhaltekosten, wird die Konkurrenz unter den Kliniken nicht weniger. „Entökonomisierung“ hörte sich anders an. Was an den DRG kritisiert wurde, bleibt. Zum Teil wird es noch verschärft. Am Pflegebudget hat dieses Konzept nichts geändert. In Kraft trat das Konzept erst nach Antritt der neuen Bundesregierung. UND NUN? FRAU WARKEN VERSCHLIMMBESSERT Das Konzept der jetzigen Gesundheitsministerin Nina Warken sieht vor allem vor, im Gesundheitswesen 20 Milliarden Euro einzusparen. Für Krankenhäuser heißt das: Kliniken sollen sich stärker spezialisieren. Bestimmte komplizierte Eingriffe sollen künftig nur noch Häuser durchführen dürfen, die genug Erfahrung und Personal haben. Kleine Häuser verlieren dadurch Leistungen. Es wird mehr finanzielle Kontrolle geben. Die Regierung plant Ausgabenbremsen, unter anderem bei Personal- und Behandlungskosten. Ziel ist es, Milliarden bei den Krankenkassen einzusparen. Das Pflegebudget fällt erstmal weg und damit die einzige Hoffnung auf Besserung unter den derzeitigen Rahmenbedingungen. ------------------------------------------------------------------- Aus: die internationale Nr. 4/2026 Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht Bestellungen: die internationale, Regentenstr. 57-59, 51063 Köln E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de Einzelheft: 5 EUR; Schnupperabo: Ein halbes Jahr für 10 EUR Jahresabo: 25 EUR (Inland), 15 EUR (ermäßigt), E-Abo 50% Artikel im Internet: https://www.inprekorr.de ------------------------------------------------------------------- ----- [1] https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/ [https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/] [2] Seit 2003 galt das Abrechnungssystem /German Diagnosis Related Groups/. (Bis 2002 waren die stationären Krankenhausleistungen zu ca. 80 % über tagesgleiche Pflegesätze und zu ca. 20 % über Fallpauschalen oder Sonderentgelte abgerechnet worden.) Seit 2004 wurde das System mehrfach (zuletzt 2024) modifiziert, aber im Kern beibehalten bis zur „Lauterbachschen Revolution“. [3] https://www.arbeitnehmerkammer.de/politik/befragungen/ich-pflege-wieder-wenn /#c3694 [https://www.arbeitnehmerkammer.de/politik/befragungen/ich-pflege-wieder-wen n/#c3694] -------------- nächster Teil -------------- Ein Dateianhang mit HTML-Daten wurde abgetrennt... URL: