[IPK] Grönland und die Rückkehr der imperialistischen Logik

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Sa Jan 24 23:57:02 CET 2026


Grönland/Dänemark:

Grönland und die Rückkehr der imperialistischen Logik
Online unter: https://www.inprekorr.de/650-grønland.htm

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Grönland ist nicht länger nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es ist ein
Spiegel unserer Zeit, in der das Eis schmilzt und mit ihm die internationale
Rechtsordnung. Während das schmelzende Eis im Norden neue Gebiete und neue
Ressourcen freilegt, zeigt sich auch die nackte Natur des Imperialismus.

 

 

Von Alex Fuentes

 

 

Donald Trumps hartnäckige Besessenheit, Grönland zu annektieren, ist nicht
länger eine rhetorische Idee. Sie ist jetzt ein deutliches Zeichen für einen
zeitgeschichtlichen Wandel. Es geht nicht mehr nur um die Beziehung zwischen
den Vereinigten Staaten und Dänemark/Grönland oder um einen vorübergehenden
Bruch innerhalb der NATO. Wir sind Zeugen der Rückkehr der offen
territorialen Logik der US-Außenpolitik – der imperialistischen Logik, die
lange Zeit mehr oder weniger verborgen war, nun aber wieder unverhohlen zum
Vorschein kommt.

 

Als die Sowjetunion und ihre östlichen Verbündeten 1949 den RGW als
wirtschaftliches Verteidigungsbündnis gründeten, schufen die Vereinigten
Staaten und die Westmächte im selben Jahr die NATO. Beide Blöcke sind aus
der eisigen Logik des Kalten Krieges entstanden. Die NATO behauptete, dass
ihr Zweck die Selbstverteidigung sei, die im Artikel 5 der Atlantik-Charta
verankert ist: ein Angriff auf einen Verbündeten würde als Angriff auf alle
angesehen.

 

Doch während sich der RGW mit dem Zusammenbruch des „sozialistischen“ Blocks
1991 auflöste, blieb die NATO bestehen – und wurde zu einem noch stärkeren
Instrument der globalen militärischen Vorherrschaft der USA. Der derzeitige
Konflikt um Grönland zeigt den strukturellen Widerspruch zwischen der
offiziellen Sprache der NATO der „kollektiven Verteidigung“ und ihrer realen
Praxis der internationalen Kontrolle und asymmetrischen Machtausübung unter
der Führung der Vereinigten Staaten.

 

Grönland ist zu einem Schlüsselpunkt im arktischen Machtkampf geworden. Die
beschleunigte Eisschmelze aufgrund der Klimaveränderung eröffnet neue,
kürzere Schifffahrtswege zwischen Atlantik und Pazifik und damit neue
Handels- und Militärrouten. Gleichzeitig zeigen geologische Studien riesige
Vorkommen strategischer Mineralien – Graphit, Niob, Platin –, die sowohl für
die grüne Umstellung als auch für die Rüstungsindustrie notwendig sind. Die
Klimakatastrophe, die durch den räuberischen Charakter der kapitalistischen
Produktionsweise verursacht wird, schafft selbst neue Möglichkeiten für
Ausbeutung und Militarisierung. Die Arktis hat aufgehört, eine „natürliche“
Grenze zu sein, und ist zu einem Ort der Kapitalakkumulation geworden. Wer
das Polarmeer und die Arktis kontrolliert, kontrolliert die Routen; wer die
Mineralien kontrolliert, kontrolliert die Produktion.

 

 

WESSEN SELBSTVERWALTUNG?

 

Grönland ist formal ein selbstverwaltetes Gebiet unter dänischer
Souveränität und beherbergt etwas mehr als 56 000 Menschen. Aber wessen
Selbstverwaltung ist das eigentlich? Grönlands Geschichte ist von Anfang an
kolonial. Das Gebiet wurde seit 1721 von Dänemark kolonisiert und war seit
1776 dänische Kolonie. Als Dänemark 1917 die dänischen Jungferninseln an die
Vereinigten Staaten verkaufte, erkannte Washington im Gegenzug die dänischen
Ansprüche auf Grönland an – ohne dass die Grönländer:innen dazu gefragt
wurden. Grönland war nie Gegenstand der Selbstbestimmung des Volkes, sondern
der Aktivitäten der Großmächte – dem Gespenst des Kolonialismus. Die
Anerkennung des Souveränitätsanspruchs Dänemarks über Grönland durch die USA
war entscheidend, als Dänemark 1933 Unterstützung beim Internationalen
Gerichtshof in Den Haag erhielt.

 

Die US-Militärstützpunkte auf der Insel, zuerst während des Zweiten
Weltkriegs und später während des Kalten Krieges (insbesondere der
Stützpunkt Pituffik), verwandelten Grönland in eine strategische Plattform
im Nordatlantik. Als Dänemark 1946 Grönland der UNO als
nicht-selbstverwaltetes Territorium meldete, war es somit eine Anerkennung
einer bereits bestehenden kolonialen Beziehung, nicht der Beginn davon.
Dänemark bestätigte dann in der UNO, dass Grönland eine Kolonie sei, was
durch koloniale Gewalt ohne Waffen geschehen sei, weil Grönländer:innen als
„unreif für die Selbstverwaltung“ dargestellt wurden. Gleichzeitig
verschleierte Dänemark seine fortgesetzte koloniale Kontrolle, indem es
Grönland 1953 in den dänischen Staat „eingliederte“ und von der
UN-Kolonialliste strich – ohne Volksabstimmung, ohne Selbstbestimmung. Das
war keine „Entkolonialisierung ohne Umklassifizierung“ – ein formales
Verwaltungsmanöver, das die Machtordnung aufrechterhielt, aber die Sprache
änderte. Sicher ohne Krieg, aber mit kolonialem Zwang: durch
Zwangsassimilation und strategische Überlegungen im Kalten Krieg.

 

Wenn Trump sagt, dass die Vereinigten Staaten „Grönland aus
Sicherheitsgründen brauchen“, trotz der Ablehnung der Grönländer:innen und
des europäischen Widerstands, verstößt er nicht gegen diese Logik – er
entlarvt sie. Die offene Bedrohung eines Territoriums unter der Souveränität
eines Verbündeten ist eine Verletzung der gesamten internationalen
Rechtsordnung der Nachkriegszeit.

 

 

ZURÜCK IM 19. JAHRHUNDERT

 

In der Praxis läuft Trumps Haltung auf eine Normalisierung der imperialen
Methoden des 19. Jahrhunderts hinaus: Drohungen, Erpressung,
wirtschaftlicher Druck (wie Zolldrohungen gegen Dänemark) und militärischer
Druck. Die Großmacht, die sich als Hüterin der Demokratie darstellt, kehrt
zur Sprache der alten Kolonialmächte zurück: Recht ist, was der Stärkste
entscheidet.

 

Wenn Grönlands Ministerpräsident Jens-Frederik Nielsen erklärt: „Grönland
wird nicht im Besitz oder unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten sein“,
ist das an sich schon Ausdruck einer tragischen Realität. Denn Grönland ist
– nach wie vor – durch koloniale Bindungen im Besitz. Es ist nur der
Besitzer, der riskiert, ausgetauscht zu werden. Trump antwortet á la Trump:
„Ich weiß nicht, wer er (Jens-Frederik Nielsen) ist, aber das ist sein
Problem.“

 

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat gesagt, dass ein
US-Angriff auf Grönland das Ende der NATO bedeuten würde. Wahrscheinlich hat
sie recht. Wenn die Führungsmacht der Allianz militärischen Zwang gegen ein
formell alliiertes Territorium einsetzt, verliert die gesamte Allianz ihre
Legitimität. Trotz der stotternden Rhetorik der überraschten EU-Staats- und
Regierungschefs ist nicht auszuschließen, dass Trump bekommt, was er will,
und das würde eine tiefe Wunde für die NATO bedeuten. Es ist nicht
auszuschließen, dass die NATO Trumps staatsstreichähnlichem Vorgehen
nachgibt.

 

Die Krise um Grönland offenbart den geschwächten Zustand der NATO, in dem
eine kollektive Verteidigungsklausel bedeutungslos geworden ist. Für die
Grönländer:innen ist die imperialistische Bedrohung keine Abstraktion; es
ist eine sehr greifbare Realität, und das gleiche gilt für die NATO, die
verwirrt darüber zu sein scheint, wie man den Allmächtigen aufhalten kann.
Dies hat die dänische Premierministerin Mette Frederiksen dazu veranlasst,
verzweifelt zu erklären, dass ihre Truppen im Falle einer Aggression mit
sofortigem Feuer reagieren werden.

 

Absurderweise würden wir uns mit den Amerikanern im Krieg befinden, sagt
Rasmus Jarlov, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des dänischen
Parlaments. „Man kann nicht einfach andere Länder angreifen und deren
Territorium übernehmen und dann denken, dass alles wie gewohnt weitergeht.“

 

Ihr müsst einfach eure Sinne schärfen und verstehen, was all die
kolonisierten Völker bisher durchgemacht haben. Oder warum nicht die
Palästinenser fragen, was mit den ihnen geraubten Gebieten passiert ist?
Schließlich liegt es in der Natur des Kolonialismus und Imperialismus.

 

Die Unterstützung Dänemarks durch Macron, Starmer und Merz – die Führer
Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands – zeigt immer noch die größte
Ohnmacht. Keiner von ihnen ist bereit, sich Washington militärisch
entgegenzustellen, egal wie viel sie über die „europäische Unabhängigkeit“
reden.

 

 

NICHT NUR DAS EIS SCHMILZT

 

Die Frage ist nicht mehr Trump selbst, sondern die imperiale Logik, die er
vorantreibt und die das System zulässt. Das Handeln der USA in der Arktis
und in Lateinamerika – einschließlich des russischen in der Ukraine –
spiegeln die gleiche Entwicklung wider: eine Welt, in der Souveränität kein
Recht mehr ist, sondern eine Ressource im Kräfteverhältnis.

 

Grönland ist nicht länger nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es ist ein
Spiegel unserer Zeit – in der das Eis schmilzt und gleichzeitig auch die
internationale Rechtsordnung. Die Lehre ist klar: Der Kapitalismus kann ohne
Expansion nicht existieren. Während das schmelzende Eis im Norden neue
Gebiete und neue Ressourcen freilegt, zeigt sich auch die nackte Natur des
Imperialismus. Es sind nicht nur die Gletscher, die schmelzen. Es ist die
Nachkriegsweltordnung selbst, die sich auflöst.

 

 

19. Januar 2026

 

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Aus: die internationale (Online-Ausgabe) Nr. 1/2026 

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