[IPK] Widerstand gegen Einberufungen: Eine marxistische Sichtweise (1967)

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Fr Mai 8 21:12:47 CEST 2026


Widerstand gegen Einberufungen: Eine marxistische Sichtweise
Online unter: https://www.inprekorr.de/656-krieg-mil.htm

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1967 diskutierte die US-amerikanische Zeitung /The Militant/ die Frage, ob
individuelle Kriegsdienstverweigerung ein Mittel sein könnte, den
Vietnamkrieg zu beenden. Eine Frage, die angesichts der heutigen
Kriegstreiberei wieder brandaktuell ist. [Red.]

 

 

Von Harry Ring

 

 

Die jüngsten Antikriegskonferenzen in Washington und Chicago haben gezeigt,
dass unter den Friedensaktivisten ein großes Interesse am individuellen
Widerstand gegen die Wehrpflicht besteht. Für einige ist dies sogar der
zentrale Punkt der Antikriegsaktivitäten.

 

Unter denjenigen, die sich auf den Widerstand gegen die Wehrpflicht
konzentrieren, gibt es eine Vielzahl von Standpunkten. Manche sehen diesen
Widerstand als eine Frage des individuellen Gewissens. Für sie ist die
Verweigerung von Einberufungen etwas, das durchgesetzt werden muss, ohne
sich darum zu kümmern, ob es ein wirksames Mittel ist, um eine
Massenopposition gegen die Wehrpflicht und den Krieg aufzubauen oder nicht.
Dies ist natürlich eine private Gewissensfrage, und das Recht, nach einer
solchen Überzeugung zu handeln, sollte von jedem sozial bewussten Menschen
verteidigt werden.

 

Andere wiederum meinen, dass individuelle Widerstandshandlungen das Mittel
seien, um einen Massenwiderstand gegen die Wehrpflicht zu entfachen. Dies
scheint zum Beispiel die Position der Youth Against War and Fascism (Jugend
gegen Krieg und Faschismus) und ihrer Mutterorganisation, der Workers World
Party [https://en.wikipedia.org/wiki/Workers_World_Party], zu sein. So wurde
in der Ausgabe der /Workers World/ vom 15. April ziemlich heftig gegen die
Socialist Workers Party polemisiert, weil sie die geplante Verbrennung von
Einberufungsbescheiden im Central Park während der Mobilisierung am 15.
April nicht unterstützte.

 

Die Zeitung meint: „Es ist richtig, dass ein Streik von 20 000 Arbeitern,
der vielleicht eine wichtige Kriegsindustrie lahmlegt, wichtiger sein
könnte, um die Kriegsmaschinerie tatsächlich zu stoppen, als 500 junge
Männer, die ihre Einberufungsbescheide verbrennen. Aber die dramatische
Anziehungskraft eines solchen Aktes auf die Jugend des ganzen Landes wäre
nahezu unumkehrbar.“

 

Diese Prognose erwies sich als etwas zu rosig. Die Verbrennung der
Einberufungsbescheide hat stattgefunden, aber es gibt leider keine Anzeichen
für eine „unumkehrbare“ Wirkung auf die Jugend der Nation. /Workers World/
könnte vielleicht argumentieren, dass nach Angaben der Organisatoren der
Aktion nur 180 ihre Bescheide tatsächlich verbrannt haben. Aber
logischerweise wird es ihr schwerfallen, den qualitativen Unterschied
zwischen 180 und 500 zu erklären. Keine der beiden Zahlen stellt eine
Massenaktion in dem Sinne dar, wie der Begriff vernünftigerweise definiert
wird.

 

Für Marxisten ist dies eine Schlüsselfrage. Seit seinen Anfängen hat der
authentische Marxismus die immer wiederkehrende Idee, dass individuelle
Handlungen, egal wie furchtlos oder „revolutionär“ sie auch sein mögen,
Massenaktionen in großem Maßstab ersetzen oder wirksam auslösen können,
immer wieder diskutiert und zurückgewiesen. Marx und Engels polemisierten
gegen diesen Glauben, ebenso wie Lenin, Trotzki und die anderen großen
marxistischen Denker.

 

Die Socialist Workers Party unterstützt zwar die Rechte individueller
Kriegsdienstverweigerer, die sich weigern, Teil einer Armee zu werden, die
einen illegalen, unmoralischen und ungerechten Krieg in Vietnam führt, ist
aber der festen Überzeugung, dass individueller Widerstand in der Praxis die
Entwicklung eines Massenwiderstands gegen die Wehrpflicht und den Krieg
behindert.

 

Einige derjenigen, die einen individuellen Widerstand gegen die
Einberufungen befürworten, tun dies unserer Meinung nach aus einem Gefühl
der Frustration und des Pessimismus heraus. Sie glauben nicht wirklich
daran, dass es möglich sei, einen Massenwiderstand gegen den Krieg und die
Wehrpflicht aufzubauen, aber ihr Gefühl der persönlichen Verantwortung
treibt sie dazu, etwas zu tun, selbst wenn es eine Handlung ist, die im
Wesentlichen aus Verzweiflung besteht.

 

 

ZWEI FRAGEN

 

Wir sind zwar der Meinung, dass eine solche pessimistische Sichtweise nicht
gerechtfertigt ist, und widersprechen ihr nachdrücklich, doch ist dies eine
andere Frage als die derjenigen, die behaupten, dass individueller
Widerstand ein praktisches und wirksames Mittel zur Entwicklung von
Massenwiderstand sei.

 

Diejenigen, die wirklich zuversichtlich sind, dass es zu einem
Massenwiderstand gegen die Einberufungen und den Krieg kommen wird, sind
bereit, ihre Energien darauf zu konzentrieren, immer breitere
Bevölkerungsschichten in Demonstrationen und andere Aktivitäten
einzubeziehen. Sie versuchen mit allen Mitteln, die breite Masse mit ihren
Gedanken über den Krieg zu erreichen. Sie erkennen, dass es in diesem
Prozess keine Abkürzung gibt, und fühlen sich nicht gezwungen, eine solche
zu suchen. Aber diejenigen, die wie die YAWF und die Workers World Party
solche Dinge wie den individuellen Widerstand gegen die Wehrpflicht
aufgreifen, verraten damit einen Mangel an Vertrauen in ihre Fähigkeit, die
Masse von der Richtigkeit ihrer Ideen zu überzeugen. Sie geben der
unbegründeten Hoffnung nach, dass einzelne Taten von isolierten Gruppen wie
denen, die Einberufungsbescheide verbrennen, auf irgendeine mystische Weise
die Massen zum Handeln inspirieren werden.

 

Dieses Konzept scheitert aus zwei Gründen. Solche Handlungen führen dazu,
aktive Kriegsgegner durch Inhaftierung zu Opfern zu machen und zu isolieren.
Es stimmt, dass man selbst extreme Strafen nicht scheuen darf, wenn das
Opfer zu einem bedeutenden Ergebnis beim Aufbau der Bewegung führt. Die
Erfahrung zeigt jedoch, dass dies einfach nicht der Fall ist.

 

Die einzige Hoffnung des individuellen Kriegsgegners besteht darin, dass
seine Tat von einer ausreichenden Anzahl anderer Individuen nachgeahmt wird,
um der Kriegsmaschinerie einen Dämpfer zu versetzen. Aber ein
Massenwiderstand entwickelt sich nicht auf diese Weise. Massenwiderstand
nimmt unweigerlich die Form an, die das Wort selbst impliziert – Menschen,
die als Masse, gemeinsam handeln.

 

Als zum Beispiel der französische Widerstand gegen den Algerienkrieg einen
Massencharakter annahm, geschah dies nicht in Form von Tausenden junger
Männer, die eines Morgens einzeln beschlossen, sich nicht zur Einberufung zu
melden, selbst wenn dies Gefängnis bedeutete.

 

Aber Tausende von Wehrpflichtigen, die sich gemeinsam gegen den Krieg
aussprachen und deren Zuversicht durch ihre große Zahl genährt wurde,
begannen, die Notbremse in den Zügen zu ziehen, die sie in den Krieg
brachten.

 

Solche Formen des kollektiven Widerstands sind für junge Menschen aus der
Arbeiterklasse viel leichter verständlich. Ihre gesamte Erfahrung im Umgang
mit Unternehmern lehrt sie, dass individueller Widerstand eine kostspielige
und riskante Angelegenheit sein kann. Aber sie wissen, dass ihre Stärke in
ihrer Zahl liegt.

 

Aber es wird gesagt, dass der einzelne Kriegsgegner nur die Wahl habe,
entweder ins Gefängnis zu gehen oder die Einberufung in eine Armee zu
akzeptieren, die einen mörderischen, reaktionären Krieg gegen ein Volk
führt, das nur seine Freiheit will. Ist es nicht ein Verstoß gegen alle
unsere Überzeugungen, in eine solche Armee einzutreten?

 

 

„REINHEIT“ ODER WIRKSAMKEIT?

 

Auch hier muss die Entscheidung danach getroffen werden, ob es dem Einzelnen
nur um die Reinheit seines eigenen Gewissens geht oder darum, wirksam zur
Beendigung des Krieges beizutragen.

 

Ein Kriegsgegner, der fünf Jahre in der Isolation einer Gefängniszelle
verbringt oder nach Kanada flieht, kann wenig dazu beitragen, eine Bewegung
gegen den Krieg zu organisieren. Und es gibt eine praktische Alternative
dazu.

 

Manche Menschen gehen davon aus, dass der Eintritt in die Armee bedeutet,
dass man sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung aufgeben
muss und seine politischen Überzeugungen nicht mehr äußern darf. Doch dies
ist nicht der Fall.

 

Zugegebenermaßen ist das Leben in der Armee nicht gerade förderlich für die
freie Meinungsäußerung, auch wenn es kein Gesetz gibt, das eine solche
Äußerung verbietet, und es sogar verfassungsrechtliche Bestimmungen gibt,
die die Rechte eines Bürgers in den Streitkräften schützen.

 

Dass es durchaus möglich ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung in den
Streitkräften auszuüben, beweist jetzt der Gefreite Howard Petrick.
Tatsächlich drohen Petrick behördliche Repressalien, wenn er seine Rechte
wahrnimmt. Aber wenn er genügend Unterstützung erfährt, wird er vielleicht
nicht zum Opfer. Und sicherlich erreicht er mehr für seine Ideen, als wenn
er einfach die Einberufung verweigert und sich in einer Gefängniszelle hätte
wegschließen lassen.

 

Das Ausmaß, in dem Petrick in der Lage war, seine Ansichten zu äußern, und
die ermutigende Reaktion, die er von seinen Mitstreitern erhalten hat,
sollten dazu beitragen, ein Missverständnis auszuräumen, das bei einigen
Kriegsgegnern vorherrscht. Das ist die Vorstellung, dass die Armee eine
monolithische Struktur sei, deren Mitglieder entweder nazistisch gesinnte
Mörder oder praktisch Insassen eines Konzentrationslagers sind.

 

Man braucht die Armee nicht schönzufärben, um zu erkennen, dass dies eine zu
starke Vereinfachung ist. Massenarmeen sind mit dem Zustand der allgemeinen
Zivilbevölkerung verbunden und spiegeln diesen im Allgemeinen wider. In den
Streitkräften gibt es zwar einige sehr hässliche Typen, aber auch ganz
normale junge Amerikaner aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten.

 

Sie sind auch nicht völlig isoliert von dem, was in der Allgemeinbevölkerung
geschieht. Sie korrespondieren mit Freunden und Verwandten. Sie gehen auf
Urlaub nach Hause. Sie lesen Zeitungen, hören Radio, sehen fern. Sicherlich
sind sie einer ebenso starken, vielleicht sogar stärkeren Gehirnwäsche
unterworfen wie der Durchschnittsamerikaner. Doch trotz der Gehirnwäsche
lehnen immer mehr Durchschnittsamerikaner den Krieg ab. Es gibt keinen Grund
für die Annahme, dass Angehörige der Streitkräfte irgendwie gegen diese
wachsende Stimmung immun seien.

 

 

SCHRÄGE PROPAGANDA

 

So wird zum Beispiel trotz der schrägen Pro-Kriegs-Propaganda der meisten
Fernsehsendungen ein gegenteiliger Effekt erzielt. Robert Northshield,
Produzent der Huntley-Brinkley-Show, hat dies selbst eingeräumt.

 

„Der Schrecken des Krieges wird durch das Fernsehen besser bekannt“, sagte
er am 29. Mai der /New York Times/. „Diejenigen, die sich lautstark gegen
den Krieg aussprechen, haben das Fernsehen als ihre Hauptinformationsquelle.
Das Fernsehen ist direkt dafür verantwortlich, dass 125 000 Menschen auf der
UN-Plaza gegen den Krieg demonstrierten. Das ist nicht unsere Absicht, aber
wir haben keine Alternative.“

 

Die Soldaten, die vielleicht mit Einsatz im vietnamesischen Dschungel
rechnen müssen, sind sicherlich nicht weniger immun gegen die Auswirkungen
der im Fernsehen übertragenen Schlachten.

 

Darüber hinaus werden junge Männer, die bereits zum Dienst eingezogen
wurden, wahrscheinlich durch Fernsehszenen von Großdemonstrationen positiv
beeindruckt, die dazu auffordern: „Unterstützt unsere Jungs, bringt sie nach
Hause!“ Aber sie werden wahrscheinlich nicht besonders begeistert sein von
den Bildern weißer College-Studenten aus der Mittelschicht, die ihre
Einberufungsbescheide verbrennen.

 

Ähnlich verhält es sich mit dem jungen Mann aus einem Arbeiterviertel, der
eingezogen werden soll. Vielleicht ist er ein erbitterter Gegner des Krieges
und will nicht in der Armee dienen. Aber die Alternative von fünf Jahren
Gefängnis und den lebenslangen Schwierigkeiten, die ein Gefängnisaufenthalt
mit sich bringt, ist für jemanden mit begrenzten materiellen Mitteln nicht
sehr verlockend. Aber wenn diese jungen Männer wie in Frankreich, das Gefühl
haben, Teil einer großen, bedeutenden Kraft zu sein, können und werden sie
wirksame Antikriegsmaßnahmen ergreifen.

 

Es ist klar, dass eine solche Massenbeteiligung nicht über Nacht erreicht
werden kann. Tatsache ist jedoch, dass die Antikriegsbewegung auf dem Weg
zur Schaffung von Massenwiderstand gegen den Krieg weiter fortgeschritten
ist, wie die große Beteiligung am 15. April gezeigt hat, als bei der
Entwicklung von individuellem Widerstand gegen die Wehrpflicht.

 

Und je mehr sich eine solche Massenbeteiligung an Demonstrationen, Märschen
und anderen Antikriegsaktionen entwickelt, desto mehr tendieren sie dazu,
kämpferischer und politischer zu werden. Wenn sich Massen von Menschen für
eine Sache engagieren, versuchen sie, etablierte Mittel zu nutzen, um ihr
Ziel zu erreichen. Wenn sich diese als unzureichend erweisen, greifen sie zu
kämpferischeren Mitteln. Das Wachstum der Massenbewegung gegen den Krieg
wird zu Aktionen an allen Fronten führen, einschließlich des
Massenwiderstands gegen die Wehrpflicht.

 

Die Schwierigkeiten beim Aufbau von Massenbewegungen für den sozialen Wandel
haben schon immer dazu geführt, dass man nach Abkürzungen sucht. In der
Vergangenheit haben sich in anderen Ländern einige Revolutionäre dazu
hinreißen lassen, individuelle Terrorakte zu befürworten, in der Hoffnung,
dass solche Taten irgendwie die Masse elektrisieren würden. Dies war bei
einigen Russen vor der Revolution von 1917 der Fall.

 

Ich erinnere mich, von Lenins Reaktion gelesen zu haben, als er eines Tages
von dem Mordanschlag eines Revolutionärs auf einen zaristischen Beamten
erfuhr. Lenin fasste sein politisches Denken zusammen, indem er antwortete:
„Für den Preis dieser Kugel hätte er hundert Flugblätter verteilen können“.

 

 

Quelle: /The Militant/, Jg. 31, Nr. 23
[https://www.themilitant.com/1967/3123/MIL3123.pdf#page%3D4%26view%3DfitH]
(5.6.1967)

 

Übers.: Björn Mertens (Wir haben den Begriff „draft“, der in der
US-amerikanischen Diskussion verschiedene Bedeutungen haben kann, hier je
nach Kontext mit „Einberufung“, „Wehrpflicht“ oder „Kriegsdienst“
wiedergegeben)

 

Die Socialist Workers Party mit ihrer Wochenzeitung /The Militant/ war bis
1990 die Organisation der Unterstützer:innen der Vierten Internationale in
den USA.

 

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Aus: die internationale (Online-Ausgabe) Nr. 4/2026 

Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht

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